WAS UNSERE PARTEI KENNZEICHNET: Die politische Kontinuität von Marx zu Lenin bis zur Gründung der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Partei Italiens (Livorno 1921); der Kampf der Kommunistischen Linken gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale, gegen die Theorie des “Sozialismus in einem Land” und die stalinistische Konterrevolution; die Ablehnung von Volksfronten und des bürgerlichen Widerstandes gegen den Faschismus; die schwierige Arbeit der Wiederherstellung der revolutionären Theorie und Organisation in Verbindung mit der Arbeiterklasse, gegen jede personenbezogene und parlamentarische Politik.

Der aufhaltbare Vormarsch der niederträchtigen „freien Welt“

Wie sind wir zu diesem Weltsystem gekommen, das sich heute in einem Zustand der Vorbereitung auf einen dritten Konflikt zeigt, vollgestopft mit Produktionsanlagen, aufgebläht mit Finanzmasse, ausgestattet mit einem Netz diplomatischer Kontrolle, das drei Viertel der Erde regelrecht „überrumpelt“, ausgestattet mit einer Propagandaorganisation, die die Oberfläche des Planeten erstickt, Atmosphäre des Planeten und, für diejenigen, die daran glauben, auch das unwägbare Feld des ‘Geistes’ erstickt, endlich Herr über eine bewaffnete Macht, im Vergleich zu der die großen Führer der Geschichte vielleicht ein Bataillon von Zahnstochern befehligt haben, bezeichnet sich selbst mit dem mehr törichten als schamlosen Ausdruck als ‘freie Welt’?“ („Dummheit und Lügen der freien Welt“, Battaglia Comunista, Nr. 15, 1950)

Das Weltsystem, das damals – 1950, dem Datum unseres Textes – entstanden ist, ist in seiner Grundstruktur das gleiche wie heute. Die Bewegung hin zum Dritten Krieg entfaltete sich mühsam durch eine Vielzahl lokaler Kriege und lenkte, nachdem der „bipolare Antagonist“ ohne Kriegsanstrengungen ausgelöscht worden war, die Dynamik der Herrschaft und Kolonisierung auf den Horizont des gesamten Planeten. In ihrem Dienst stand die mächtigste Streitmacht, die die Menschheitsgeschichte je gesehen hat [1].

Alle militärischen, technologischen, propagandistischen und wirtschaftlichen Mittel wurden erdacht und eingesetzt, um die Prinzipien der „freien Welt“ durchzusetzen, damit niemand der Freiheit entkommt, deren Fahnenträger die Nation mit dem „offenkundigen und außergewöhnlichen Schicksal“ ist, die als Kolonialist auf der Haut der amerikanischen Indianer und als Sklavenhalter auf der Haut der Afrikaner geboren wurde und die den Auftrag hat, allen Völkern der Welt das gleiche Schicksal zu bereiten. Eine Mission, die noch nicht erfüllt ist und nun an einem entscheidenden Wendepunkt steht. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass wir uns bereits im dritten Krieg befinden und dass die nahe Zukunft die letzte Schlacht ist, die über den Ausgang des Krieges entscheiden wird.

Auf ihrem Vormarsch bedient sich die „freie Welt“ bis an die Zähne bewaffneter Armeen und verfügt über hochentwickelte Technologien, um ihre Überlegenheit gegenüber den Kräften, die sich ihr entgegenstellen, zu markieren. Ihr Fortschritt geht Hand in Hand mit dem Triumph der Technik, der der Triumph der Herrschaft des Menschen über den Menschen ist, da im Kapitalismus ab einem bestimmten Zeitpunkt jeder technische Fortschritt eine strengere Unterwerfung unter seine Gesetze bedeutet. In der Fabrik vollzieht sich der Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion des Arbeiters durch das Maschinenwesen und die Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion; in der Gesellschaft vollzieht er sich durch die Ausdehnung des Maschinensystems und die Anwendung der Wissenschaft auf jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens. Wir zitieren aus demselben Text:

Für Franklin [der gleichnamige Repräsentant der Ursprünge des ‘freien Amerika’, Matrix der Neuen Welt, Anm. d. Ü.] ist der Mensch von Natur aus ein ‘Werkzeugmacher’. Was will man mehr an Bürgerlichkeit? Der Autor dieser zynischen Definition starb 1790, aber der Imperialismus ist das Ergebnis der Herstellung vieler, vieler Werkzeuge. Auch die Atombombe ist ein Werkzeug, oh ihr, die ihr die Franklins bedauert“.

 

Die Bombe ist das Instrument schlechthin, sie ist die Synthese und Materialisierung des Prozesses der Subsumtion. Niemand kann sich ihr unter Androhung der Apokalypse widersetzen, aber ihre unbegrenzte Macht ist auch ihre Grenze: ihr Einsatz als Instrument muss bei der Demonstration von Macht aufhören, sonst vernichtet sie mit den Beherrschten die Herrschaft selbst. Vielleicht rechnen die engen Kreise des finanziellen Großbürgertums mit dem Überleben und bereiten luxuriöse Bunker vor: aber über wen werden sie ihre Herrschaft ausüben, wenn es niemanden mehr gibt, den sie ausbeuten können? Die Bombe ist der ultimative Ausdruck des Instruments in der Bedeutung, die das Wort in der Kapitalgesellschaft annimmt: aber sie ist auch ein Ausdruck der Grenzen des Kapitals. Durch die Verallgemeinerung der Instrumentierung, umso mehr, wenn sie in ihrer Funktionsweise autonom ist, umso mehr, wenn sie immateriell und auf ihre Weise mit einer Intelligenz ausgestattet ist, die den Menschen überflüssig, unzureichend und veraltet macht [2], zerstört das Kapital sich selbst, die Basis der Selbstverwertung, die seiner Bewegung einen Sinn gibt. Die Tatsache, dass wir heute zur Hypothese eines Feldeinsatzes der Bombe zurückkehren, ist vielleicht ein Symptom für die erreichte Grenze des Fortschritts, jenseits derer sich die Alternative zwischen Revolution und ruinöser Katastrophe ergibt.

Die Beherrschung durch die Technik, das Produkt einer alles andere als „neutralen“ Wissenschaft, die im Wesentlichen auf die Schaffung von profit- und herrschaftsorientierten Werkzeugen abzielt und entwickelt wurde, geht im heutigen Zeitalter weit über die rein materielle Produktion von Waren hinaus. Sie gehört „für diejenigen, die daran glauben, in den unwägbaren Bereich des Geistes“; Herrschaft ist nicht zu trennen von der Kontrolle der Gedanken, Emotionen und Gefühle der Beherrschten. Auch hier hat der Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion mit dem Aufkommen umfassender und allgegenwärtiger Instrumente stattgefunden, die in der Lage sind, die Massen und das Individuum zu erreichen und zu formen – vorzugsweise von frühester Kindheit an. Die permanente Verbindung mit dem Internet reduziert das Individuum auf eine Endstation des General Intellect [3], der heute unter der Kontrolle einer Handvoll großer Finanzgruppen steht, die in ihren Händen monströse Apparate konzentrieren, die in der Lage sind, Gedanken, Verhalten und Konsum zu überwachen und auf maximalen Profit auszurichten. Gleichzeitig entkoppelt er sie von den Beziehungen, die in der konkreten Realität bestehen, indem er virtuelle Welten vorschlägt, die sich unabhängig von der realen Welt entfalten. Jemand, der in unserer Strömung geschult ist, schlussfolgerte – vor langer Zeit –, dass die Ausdehnung der reellen Subsumtion, weit über den Arbeitstag hinaus, auf die gesamte Lebenszeit des Arbeiters, den Entzug jeglicher Restautonomie des Menschen vor dem großen Moloch, seine Identifikation mit dem Kapital und seinen Gesetzen, impliziert: die Anthropomorphisierung des Kapitals [4]. Daraus schloss er, dass dies das Ende des Klassenkampfes, des Proletariats, der historischen Möglichkeit der Überwindung des Kapitalismus in der von Marx angedeuteten Weise bedeutete. Es blieb der Mensch, der ungeheuren Macht des Kapitals gegenübergestellt, aber die Möglichkeiten, ihr zu entkommen, beschränkten sich auf die Reduzierung des Bewusstseins dieser Herrschaft, auf die Möglichkeit, „so zu tun, als ob“: so zu leben, als ob man bereits in der zukünftigen Gemeinschaft wäre, als ob die Menschheit sich wiedergefunden hätte.

 

Es ist allzu leicht, diesem seltsamen Invarianz-Theoretiker zu entgegnen, dass er wenig von der Geschichtslehre unverändert gelassen hat, dass er den Verzicht auf die Aussicht auf eine proletarische Revolution dekretiert hat, in der Annahme, dass dies das Urteil der Geschichte sei, und dass er das Schicksal der menschlichen Spezies der engen Grenze der individuellen, gruppenbezogenen oder „gemeinschaftlichen“ Entscheidungen anvertraut hat. Wenn dies der Fall wäre, bliebe nur wenig Hoffnung für das Schicksal der Gattung, die gezwungen ist, eine gewaltige Katastrophe zu durchlaufen, die sie, wenn sie sie nicht auslöscht, zum Rückschritt verurteilt und dazu, den Weg der Jahrhunderte zurückzuverfolgen und erneut alte Pfade der Emanzipation einzuschlagen, die hoffentlich nicht dem gescheiterten Weg folgen, der derzeit beschritten wird.

Würde man diese Theorien akzeptieren, müsste man zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte der Menschheit in einer Sackgasse gelandet ist. Die marxistische Vision selbst schließt dies bereits im Manifest von 1848 nicht aus, wo die Möglichkeit aufgeworfen wird, dass, sollte die Revolution nicht triumphieren, alle Klassen in den gleichen Ruin gestürzt werden. Dieser Hinweis würde ausreichen, um diejenigen zu beruhigen, die Marx eine teleologische Vision zuschreiben, die letztlich dem „Fortschritt“ geschuldet ist, dessen Träger der Kapitalismus zweifellos ist. Aber wenn Marx die historische Rolle des Kapitalismus feierte, dann offenbarte er seine unlösbaren Widersprüche, seine Endlichkeit als Produktionsweise und damit die Notwendigkeit seiner Überwindung. Als Marx die Begrenztheit des Kapitals darin erkannte, dass es ein Hindernis für die Entwicklung der Produktivkräfte ist, dass es also historisch vergänglich und dem Untergang geweiht ist, setzte er keine quantitative Grenze für die Produktionsmasse und die Produktionsmittel, die sie hervorbringen. Marx drückt das Wesen des Kapitals darin aus, dass es sich als eine „riesige Warensammlung“ darstellt, und das Hindernis liegt ganz in der merkantilen Form, darin, dass es ein Ausdruck des Werts ist, der die Produktion zyklisch zu einem Überschuss gegenüber den Verwertungsmöglichkeiten macht, der aber selbst in Phasen der „Expansion“ durch seine Form unzureichend bleibt, um die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn er dann die unüberwindbare Grenze der „Konsumtionsfähigkeit der Massen“ postuliert, unterstreicht er zum einen die Verschwendung, die im produktiven Überschuss enthalten ist, der nicht konsumiert werden kann, ohne dass sein Wert zuvor realisiert wird, und zum anderen die Tatsache, dass die menschliche Konsumtionsfähigkeit nicht unendlich ist, sondern selbst menschliche Grenzen hat.

Aber die unermessliche Warensammlung muss weiterwachsen und den unerschöpflichen Verwertungshunger des Kapitals befriedigen. Dies bringt einerseits die absolute Steigerung der Produktion mit sich, wobei sich der „Zirkel der Zirkulation […] beständig erweitert“, mit der Folge, dass die Zirkulation „schon selbst als ein Moment der Produktion [erscheint]“ und dass „die Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen, […] unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben [ist]. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke“ (Marx, Grundrisse; MEW 42, S. 321); andererseits bringt es mit sich, dass „die Produktion von relativem Surpluswert, d. h. die auf Vermehrung und Entwicklung der Produktivkräfte gegründete Produktion von Surpluswert, […] Produktion neuer Konsumtion [erheischt] „ – einschließlich der „Produktion neuer Bedürfnisse und Entdeckung und Schöpfung neuer Gebrauchswerte“ (ebenda, S. 322).

Dieser Prozess, dem Marx selbst eine „great civilising influence“ (ebenda, S. 323) zuschreibt, kennt weder geografische Grenzen noch Grenzen für menschliche Bedürfnisse, die im Namen einer Idee des „Menschen“ definiert werden, die Grenzen setzt, seien sie physisch, philosophisch, religiös oder moralisch. Die Idee des Menschen verändert also ihre Konturen und definiert sich neu, wenn die Bedürfnisse und die entsprechenden Wünsche durch die Ausweitung der Produktion auf immer neue Bereiche ausgedehnt werden.

Das Kapital treibt dieser seiner Tendenz nach ebensosehr hinaus über nationale Schranken und Vorurteile wie über Naturvergötterung und überlieferte, in bestimmten Grenzen selbstgenügsam eingepfählte Befriedigung vorhandner Bedürfnisse und Reproduktion alter Lebensweise. Es ist destruktiv gegen alles dies und beständig revolutionierend, alle Schranken niederreißend, die die Entwicklung der Produktivkräfte, die Erweiterung der Bedürfnisse, die Mannigfaltigkeit der Produktion und die Exploitation und den Austausch der Natur- und Geisteskräfte hemmen.“ (ebenda, S. 323).

Der Vormarsch der „freien Welt“ folgt den Gesetzen, die der kapitalistischen Produktionsweise zugrunde liegen, in ihrer räumlichen Ausdehnung und in der Tiefe ihrer Verwurzelung im menschlichen Verhalten; quantitativ – als Masse der immensen Ansammlung von Waren, die der Vulkan der Produktion auswirft – und qualitativ, als Treibhaus neuer Produkte und Bedürfnisse.

Die Verbreitung neuer und anderer Bedürfnisse und Wünsche als die, die das menschliche Wesen definierten, bevor das Kapital sich als allgemeines System durchsetzte, ist für Marx der Beweis für die außerordentliche transformative Wirkung des Kapitals. Aber dieser unaufhaltsame Fortschritt muss historisch an Grenzen stoßen, die nicht überschritten werden können, ohne die Unhaltbarkeit des Kapitalismus für unsere Gattung zu offenbaren. Betrachtet man die Vielfalt der neuen Produkte und Bedürfnisse, die das Kapital geschaffen hat, seit es sich historisch als allgemeine Produktionsweise durchgesetzt hat, so hat die Produktion neuer Waren und entsprechender Bedürfnisse bis zu einer bestimmten Phase in seiner Geschichte - und begrenzt auf die kapitalistisch fortgeschrittensten Gebiete - eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen bewirkt. Diese Phase, wenn auch in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, erstreckte sich von der industriellen Revolution bis in die 1970er Jahre, endete mit dem Ende des Nachkriegsaufschwungs und überließ das Feld einer neuen Phase, die von der Finanzialisierung und der Verlagerung der Produktion in neue, hinsichtlich der Profitrate profitablere Gebiete geprägt war. In den alten Metropolen, die sich von Produktions- in Konsumzonen verwandelt hatten, die weitgehend von ausländischer Produktion abhängig waren, konzentrierte sich ein großer Teil des neuen Konsums auf Dienstleistungen, insbesondere auf die so genannte „freie Zeit“ (in Wirklichkeit „Zeit, die durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte von den Notwendigkeiten der Reproduktion befreit wurde“, siehe Fußnote 3): auf den Teil des Lebens, den sich das Kapital aneignete, indem es immer überflüssigere, wenn auch nicht schädliche Bedürfnisse hervorbrachte. Das Produktivitätswachstum ist weitgehend auf die Befriedigung fiktiver Bedürfnisse ausgerichtet und gibt dem malthusianischen Bevölkerungsgesetz, das von den modernen Wohlfahrtssängern vertreten wird, eine neue Grundlage:

Die Hypermodernen setzen an die Stelle der parasitären Gaunerbande der Adeligen und ihrem Tross die amorphe Masse der inländischen Verbraucher, die verdammt sind, wie blöd zu konsumieren: wenig Lebensmittel, große Ausstattung für künstliche Bedürfnisse. Sie denken, eine so ständigen Reizen ausgesetzte und drogierte, doch schlecht ernährte Masse wird weniger Kinder zeugen, so dass ihr berühmtes „Pro-Kopf“ Produkt auf hohem Niveau gehalten wird.“ (aus unserem Text „Vulkan der Produktion oder Sumpf des Marktes?“)

Seit den 1990er Jahren hat die Verbreitung neuer IT-gestützter Technologien die Möglichkeiten der zentralisierten Kontrolle von Finanzströmen, Produktions- und Konsumzeiten in einem nunmehr globalen Maßstab erweitert. Mit der großen Krise von 2008-2009 begann eine weitere Phase: Auf sie folgte kein kräftiger Aufschwung, sondern ein erstickender Trend, der durch eine enorme Ausweitung des fiktiven Kapitals kompensiert wurde, das durch die Politik des „leichten Geldes“ der Zentralbanken erzeugt wurde. Das prekäre Gleichgewicht wies den Metropolen – insbesondere den Vereinigten Staaten – eine parasitäre Verbraucherrolle bei einem ständigen Auslandsdefizit zu, das nicht aufrechterhalten werden konnte. Parasitär, aber unerlässlich, um die Kontinuität des weltweiten Akkumulationsmechanismus zu gewährleisten: Das gesamte komplexe System der globalisierten Produktion drehte sich um den Vulkan der chinesischen Produktion und den Sumpf des Marktes in der amerikanischen Metropole.

Die Zuweisung unterschiedlicher und komplementärer Rollen im Weltsystem bestätigte die beherrschende Stellung des Finanzkapitals in der atlantischen Metropole bei den Kapital- und Warenbewegungen im Weltmaßstab, führte jedoch zu einer zunehmenden Spaltung der Interessen zwischen den Gebieten der Mehrwertproduktion und den Gebieten des parasitären Konsums und schuf die Voraussetzungen für einen immer erbitterteren Kampf um die Aufteilung der weltweiten Mehrwertanteile. Das übermäßige Wachstum des fiktiven Kapitals, das von der Finanzmaschinerie erzeugt wurde, konnte den Verlust des produktiven Gewichts des hegemonialen Kapitalismus nicht unbegrenzt kompensieren. Daher der ständige Kriegszustand, den die Vereinigten Staaten in den strategischen Gebieten des Planeten verhängen, wo die Expansionslinien des wirtschaftlichen und politischen Einflusses neuer Konkurrenten, vor allem Chinas, verlaufen.

Im Laufe des Jahres 2019 zwangen die Symptome einer drohenden Inflationskrise, die auch durch eine expansive Geldpolitik hervorgerufen wurde und den Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zu verursachen drohte, das Kapital dazu, nach dem „Globalen Krieg gegen den Terror“, der durch den Angriff auf die Zwillingstürme ausgelöst wurde, eine neue notfallmäßige Wende einzuleiten. Die Pandemiekrise und die brutale Verlangsamung des Welthandels und des Konsums verhinderten vorübergehend die Preisexplosion und ermöglichten die Einführung noch nie dagewesener Formen der sozialen Disziplinierung. Im Namen der Wissenschaft und der öffentlichen Gesundheit wurde gemeinsam mit den bekannten Beschränkungen der Konsum von Impfstoffpräparaten durchgesetzt. Während Big Pharma riesige Gewinne erzielte, die mit öffentlichen Geldern bezahlt wurden, wurde gleichzeitig eine noch engere Unterordnung des Staates unter die Macht der großen Finanzoligarchien erreicht, eine noch stärkere und zentralisiertere Kontrolle der Gesellschaft eingeführt und neue Bedürfnisse per Gesetz verordnet. Die Zeit der aufgezwungenen Bedürfnisse war damit eingeläutet. Seitdem diktiert der aktuelle Notstand diese Bedürfnisse: gestern die Pandemie, heute die Klimakrise, um eine sehr kostspielige „grüne“ Wende zu rechtfertigen, von der die Herren der Weltfinanz in verschiedenen Formen zu profitieren bereit sind. Und dann ist da noch der Krieg, der Waren und Konsum einer anderen Art aufzwingt.

Das Kapital, das sich nicht mehr damit begnügen kann, neue fiktive Bedürfnisse zu wecken, indem es neue Produkte auf den Markt bringt, die im Grunde genommen nutzlos sind, experimentiert mit deren Durchsetzung und dehnt den Bereich des Marktes auf die intimste Sphäre des Menschen aus, nämlich auf den Bereich der Körperlichkeit, der Gesundheit, der sexuellen Identität und der Fortpflanzung. Es handelt sich um lebenswichtige Bedürfnisse, die sich unmittelbar auf die biologische und, für diejenigen, die glauben, auch auf die spirituelle Existenz des Menschen auswirken. Auch der Körper wird zum Objekt der Enteignung, und zwar in einer Zeit, in der die Auferlegung der Gesundheitsfürsorge die Form einer echten gesundheitlichen Zwangsbehandlung annimmt, die auf Personen ausgedehnt wird, die voll zurechnungsfähig sind. Gleichzeitig führt die Zerstörung der nationalen Gesundheitssysteme und ihre Umgestaltung nach dem Versicherungsmodell in den Vereinigten Staaten zu einer malthusianischen Verknappung des primären Gutes der medizinischen Versorgung. Fiktiv, obwohl sie sensible Aspekte des menschlichen Lebens betreffen, sind dann die Bedürfnisse, die mit dem Handel mit ungeborenen Kindern und der allgegenwärtigen Förderung einer fließenden, unbestimmten sexuellen Identität verbunden sind, die sich an variable Verhaltens- und Konsummuster anpassen lässt. [5]

Die Welt ist nicht nur ein einziger großer Markt geworden, sondern selbst die wichtigsten Momente im Leben eines Menschen, von der Geburt bis zum Tod, werden in eine merkantile Form gekleidet, die als unumstößliches „Recht“ ausgegeben wird [6]. Alles ist monetarisierbar. Wenn das Ereignis der Geburt als Ware angeboten wird, schafft es sofort ein Bedürfnis und den entsprechenden Markt, geadelt durch das fragwürdige „Recht, Kinder zu haben“, auch wenn die Natur es nicht zulassen würde. Die vom Kapital auferlegte Freiheit ist die „Freiheit der Ware“, die absolute Macht der Ware über die menschliche Existenz, die Verwandlung jedes Aspekts des Lebens in eine Ware, die totale Kommodifizierung der Existenz. Dies ist der eigentliche Sinn des großen Fortschritts, die Mission der „freien Welt“. Das westliche Finanzkapital, das den aufstrebenden Kapitalismen auf dem Gebiet der Mehrwertproduktion unterlegen ist, treibt einen dreifachen Prozess voran, erstens der Kommodifizierung jedes Aspekts des Lebens, zweitens der allgemeinen, durch Verschuldung angetriebenen Enteignung der Vermögenswerte, die Reserven oder Einkommensquellen (Häuser, Land, kleine Unternehmen) breiter Bevölkerungsschichten darstellen, und drittens der Zerstörung der verbliebenen vorgeblichen Überreste an Wohlfahrt (Gesundheit, Bildung und Soziales), die in den Gesellschaften des so genannten Wohlstands noch überleben und der Privatisierung unterliegen. Dies ist das Terrain des Krieges, den das westliche Kapital an der Heimatfront führt und der ganzen Welt aufzwingen will.

Die Kommodifizierung der Existenz geht Hand in Hand mit einer zunehmenden Entmenschlichung. Zunächst Ware Arbeitskraft und Konsument von Waren, die mit Hilfe von Waren produziert werden, wird der Mensch nunmehr selbst zu einer Warenkategorie, die dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterliegt. Das menschliche Bedürfnis, von der Ware befriedigt zu werden, wird immer weniger und das Bedürfnis der Ware, sich selbst zu verwerten, immer mehr befriedigt, und zwar in einem System der maximalen Verwertung des in die Ware eingebetteten Wertes, das darauf abzielt, den Menschen maximal zweckmäßig zu machen.

Wenn die Ware den Menschen erobert, verwirklicht sie sich als Tauschwert, aber auch als Gebrauchswert, sonst wäre sie nichts weiter als träge Materie oder nutzlose Dienstleistung. Um dies zu erreichen, muss sich die Ware dem Menschen aufdrängen, seine Sinne erobern, seine Gedanken und Wünsche anpassen und den Basar der Leidenschaften mit üppigen, als unverzichtbar dargestellten Waren füllen. Wenn dann das Bedürfnis nicht durch Täuschung oder Suggestion in die Sinne und die Psyche gebracht werden kann, dann wird die Ware aufgezwungen, indem Katastrophen und Notfälle heraufbeschworen werden, gegen die es keinen Widerstand geben kann. Wenn es kein Bedürfnis gibt, wird es geschaffen. Das „Recht“ auf die Ware wird zu einer „Pflicht“. Dann öffnen sich die Schleusen der Apokalypse: Pandemien, Kriege und Katastrophen folgen ohne Lösung aufeinander. Die Angst verleitet dazu, jedes Überlebens-, wenn nicht gar Heilsversprechen anzunehmen (ein unschöner Begriff, der an eine Palingenese erinnert, die der prosaischen merkantilen Dimension fremd ist), und hier findet die Ware den fruchtbarsten Boden, um sich durchzusetzen und den Menschen in einen trägen Konsumenten ohne eigenen Willen zu verwandeln. Selbst der armseligen Fähigkeit beraubt, zwischen konkurrierenden Waren zu wählen, wird ihm das angeboten, was der Moloch für ihn bestimmt hat, sei es der heilbringende Impfstoff oder das als umweltfreundlich angepriesene Auto (das er sich nicht leisten kann und das ihn in die Verschuldung treibt). Was die Bomben betrifft, so setzen sie sich in ihrer abgestuften Zerstörungskraft durch, wenn sie schließlich auf die Köpfe der Gemeinen fallen. Ihr Tauschwert ist bereits realisiert, der Knall erschöpft ihren Gebrauchswert. Es ist nicht immer möglich, aber zumindest angebracht, dass dies immer häufiger geschieht, und sei es nur, um die Arsenale zu leeren und mit neuen, glänzenden Bomben zu füllen. Wie jede andere Ware erobert und verwandelt die Bombe den Menschen, hier allerdings auf etwas radikalere Weise: Sie zerstört ihn oder hinterlässt unauslöschliche Spuren in seinem Körper und seiner Psyche. Zweifellos verbessert sie ihn nicht, wie die meisten verfügbaren Güter...

Die Abstufung der Veränderungen, die die Ware im Menschen hervorruft, reicht von der Vergiftung bis zur Geschlechtsumwandlung, von der Senilität bis zur Auslöschung. Die neueste Spielerei, der so genannte „Transhumanismus“, eine Art Hybridisierung zwischen Mensch und Technologie, die angeblich die letzte Grenze des Schicksals der Spezies darstellt, wird als die Transformation vorgeschlagen, die an die Grenze eines evolutionären Sprungs stößt, aber sie erinnert so sehr an die obskure Geschichte von Frankenstein. Nach Abschluss dieser vermeintlich epochalen Verwandlungen wird der Mensch der nahen Zukunft wohl eher ein Wallach sein, und zwar alles andere als ein kluger... Auch dies ist beim durchschnittlichen schwachsinnigen menschlichen Exemplar keine große Neuheit. In dem oben zitierten Text „Vulkan der Produktion oder Sumpf des Marktes?“ wird auf die Theorie der Dummköpfe verwiesen, die ein gewisser Brite um die Mitte des letzten Jahrhunderts aufgestellt hat, der „behauptet, durch seine jahrelangen Nachforschungen die Zunahme der Verblödung seit 40 Jahren festgestellt zu haben.“ und damit das Phänomen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgt. „Mehr ist nicht zu sagen: Er hat recht.“

Nach Jahrtausenden der Vorgeschichte und der Geschichte, nach den Geniestreichen eines Pico della Mirandola und seiner Mitstreiter in der Renaissance, ist das Ergebnis deprimierend. Wir gehören nicht zu denjenigen, die glauben, dass ein solches Ergebnis durch eine vorsätzliche Verschwörung der geheimen herrschenden Eliten bestimmt wird, von der einige Anhänger dieser These behaupten, sie sei außerirdischen oder vielleicht göttlichen Ursprungs (wie sonst ließe sich so viel Macht erklären?). Wir können die Geschichte erklären – mit unserer simplen und materialistischen marxistischen Sichtweise und durch die notwendige Entwicklung der Ware, die alles mit ihrer eigenen Form bedeckt, die allem einen Wert zuschreibt, der sich als Geld darstellt, die einzige zugelassene Repräsentation des Wertes, angesichts derer jeder andere Wert (sozialer, ethischer, religiöser...) als Hindernis für die vollständige Bejahung der einzigen Wahrheit des Marktes beseitigt werden muss. „Fortschritt“ in diesem Sinne zerstört alle alten Gewissheiten, befreit die Menschheit von ihren Mythen und hält sie in der Allmacht der Ware gefangen. Er befreit sie auch von der kritischen Intelligenz, von der Fähigkeit, nach nicht-marktwirtschaftlichen Prioritäten zu urteilen, von der Fähigkeit, sich in seine Mitmenschen einzufühlen. Marx erkannte zwar die zivilisatorische Tragweite der Expansion des Kapitals an, war aber weit davon entfernt, die Entwicklung des materiellen Fortschritts mit der Hebung der menschlichen Existenz in ihrer Gesamtheit in Einklang zu bringen. Im Gegenteil, er fürchtete die Implikation einer allgemeinen Entwürdigung:

In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andre Menschen oder durch seine eigene Niedertracht unterjocht zu werden. Selbst das reine Licht der Wissenschaft scheint nur auf dem dunklen Hintergrund der Unwissenheit leuchten zu können. All unser Erfinden und unser ganzer Fortschritt scheinen darauf hinauszulaufen, daß sie materielle Kräfte mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen Kraft verdummen.” (MEW 12, S.3-4)

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Im Kapitalismus kann es keine Grenze für die Entwicklung der Produktivkräfte geben, weil diese Entwicklung die ständige Ausweitung und Verallgemeinerung der Warenform erfordert. Alles, was produziert und als Dienstleistung erbracht wird, ist nicht für den Menschen, sondern für die Ware, für die Verwertung des in ihr enthaltenen Wertes. Die Tendenz, bestimmte Konsumtionsgewohnheiten und Bedürfnisse zu erzwingen und Bereiche zu erobern, die noch teilweise ihrem Zugriff entzogen sind (Gesundheit, Bildung, Kultur, Kunst, das Leben selbst), verrät diese grundlegende Eigenschaft der Ware. Natürlich ist auch dies kein Novum in der Geschichte des Kapitals. Die Opiumkriege (1839-42, 1856-60), mit denen der britische Imperialismus die Öffnung Chinas für den Außenhandel erzwang, erreichten ihr Ziel, indem sie Hunderttausende von Chinesen dem Bedürfnis nach Drogen unterwarfen und sie entmenschlichten. Die Grenze für die Entwicklung der Produktivkräfte besteht, solange es eine Vorstellung vom Menschlichen gibt, jenseits derer das Menschliche zu etwas anderem, zu Nicht-Menschlichem wird. Es ist ein Punkt erreicht, an dem das Kapital die Integrität des Menschen demontieren muss, bis hin zu dem Punkt, an dem er zu einem stumpfen Benutzer im Kreislauf von Produktion und Konsum wird. Der enorme und wachsende Verbrauch von Psychopharmaka – wie auch von Drogen – im entwickelten Westen ist eines der offensichtlichsten Symptome dieses Abdriftens. Wenn es einen Notfall gibt, dann ist es nicht die globale Erwärmung, sondern die globale Verdummung. Man könnte versucht sein, die philosophische Formel von der „Anthropomorphose des Kapitals“ in diese einfache Kategorie der globalen Verdummung zu überführen, die zwar kaum philosophisch, aber sicherlich weniger definitiv und prätentiös ist.

Dann kann man verstehen, was mit einer „freien Welt“ gemeint ist, jenseits der kleinlichen Rhetorik, die ihre vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Triumphe feiert. „Freiheit“ ist die Überwindung jeder menschlichen Grenze, für den Teil der Natur, der im Menschen verbleibt, jenseits jener „zweiten Natur“, die er selbst konstruiert und die ihn heute beherrscht. „Freiheit“ ist also im Wesentlichen Gewalt gegen die Natur und den Menschen, in einem Verfahren, das weder das eine noch das andere beachtet. Dies erklärt die wahnsinnigen Abwege der LGBTQ-Ideologie und die Schreie der Sibyllen der Klimaapokalypse, die mehr oder weniger bewusst im Dienste der Kräfte stehen, die eine drastische Reduzierung des proletarischen Konsums und vielleicht sogar die Vernichtung einiger Milliarden von uns durch Bomben oder andere tödliche Vorbereitungen zur Erleichterung dieser Aufgabe planen. In Ermangelung einer besseren, malthusianischen Lösung par excellence für die „Rettung des Planeten“.

Die Rhetorik der „freien Welt“ hat sich munter die klassischen Fahnen der so genannten „Linken“ angeeignet, die sich endlich von den lästigen Fesseln des Klassenkampfes befreit haben: sexuelle Befreiung, Umweltschutz, Bürgerrechte, Geschlechterrechte und jede Lizenz, die den Klassencharakter dieser Welt nicht in Frage stellt. Sogar die „Revolution“ im „farbigen“ Sinne des Wortes, die auf die Eroberung der „Rechte“ abzielt, deren Verfechter der Westen angeblich ist, wird als Instrument benutzt, um die spontanen Kräfte, die sich gegen die als „tyrannisch“ erklärten Regime auflehnen, zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen; ganz zu schweigen von dem Krieg, der immer im Namen der „Freiheit“ gegen „Schurkenstaaten“ geführt wird, die das große Unrecht begehen, sich nicht dem Diktat des atlantischen Herren und seiner Vasallen zu beugen. Man denke an die Verwendung des Begriffs der „Solidarität“, einem der von der „Linken“ am meisten gepriesenen „Werte“, zur Zeit der Pandemie: Wer nicht bereit war, sich impfen zu lassen, wurde als Untore (Figur aus Manzonis Roman Die Verlobten, die die Pest absichtlich verbreitete) denunziert, als Angreifer auf die öffentliche Gesundheit, als „Egoist“, dem die kollektiven Interessen gleichgültig sind. Der Mechanismus der Trennung zwischen den Guten – der Mehrheit – und den wenigen Bösen hat funktioniert und wurde im Klima des Kriegsnotstands, der die Pandemie über Nacht überschattete, erneut vorgeschlagen.

Auf dem Höhepunkt der Lüge von der freien Welt – ein schamloser und aufgeblasener Ausdruck – wird alles in sein Gegenteil verkehrt. Die Demokratie ist die Hülle eines Systems, das sich rasch in einen offenen Totalitarismus verwandelt [7], die „freie“ Presse ist völlig versklavt von den Kräften, die die Hebel der Finanzmacht kontrollieren, die „Pflicht“, Migranten aufzunehmen, wird durch den internationalen Menschenhandel auferlegt, der die globale Überproduktion der Ware Arbeitskraft ermöglicht, die nationale Souveränität wird durch einen immer repressiveren „Superstaat“ in seinen politischen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen und militärischen Ausprägungen verweigert. All dies ist das unvermeidliche Ergebnis der enormen Zentralisierung der finanziellen Macht in einer kleinen Anzahl von Unternehmen, die die Kontrolle über ein weltweites Netzwerk von Unternehmen ausüben und in der Lage sind, die Agenden von Regierungen zu diktieren, die auf eine Politik der Kommerzialisierung jedes Aspekts des Lebens ausgerichtet sind, indem sie die oben erwähnten Artikulationen des „Überstaates“ nutzen.

Dieser „Superstaat“, das Ergebnis des Triumphs des amerikanischen Kapitalismus im Zweiten Weltkrieg, hat sich seit 1950 – dem Jahr der Veröffentlichung des „Fadens der Zeit“, von dem wir ausgehen – erweitert und gefestigt und gewinnt immer mehr an Gewicht und Einfluss. Die UNO, die EU und die NATO sind die Verfechter der „freien Welt“ und entscheiden über das Schicksal der ganzen Welt. Von ihnen geht der letzte Anstoß aus, die Marktfreiheit weltweit und in allen Lebensbereichen durchzusetzen und alle Hindernisse zu zerstören, die sich dem in den Weg stellen.

In den letzten siebzig Jahren hat dieses Weltsystem sein Recht durchgesetzt und auf der Grundlage der objektiven Überlegenheit des atlantischen Dominus ein schnelles Spiel getrieben. Ein imperialistisches Weltsystem, das heute einzigartig und integriert ist (nicht zu verwechseln mit der Banalität des „Einheitsimperialismus“ à la „Lotta Comunista“ oder auf dem phantasievollen „Imperium“ von Toni Negri und Co.), mit einer funktionalen Rollenverteilung, aber nicht völlig einheitlich zu den vom dominanten Zentrum auferlegten Gesetzen. Der Vormarsch der „freien Welt“ hat alle Hindernisse überwunden und jeden Winkel der Welt mit sich selbst durchdrungen; er hat ein wahres Weltsystem nicht nur des Handels, sondern auch der Produktion durch weltweite Wertschöpfungsketten geschaffen. Dabei hat sie jedoch mächtige Gegenspieler hervorgebracht, die nun als neue Hindernisse für das weitere Voranschreiten des vom hegemonialen Kapitalismus, dem Bannerträger der „freien Welt“, angeführten Zerstörungs- und Assimilierungsprozesses stehen.

Die mächtigen Gegner, die sich heute herauskristallisieren, sind die kapitalistischen Kräfte, die sich der „freien Welt“ im Namen nationaler, traditioneller, religiöser und verfassungsmäßiger Interessen und Werte in den Weg stellen. Ob sie dies im Namen Gottes, der Tradition, der Nation oder des Gesetzes tun, ist von relativer Bedeutung (jedem sein eigener heiliger Krieg). Entscheidend ist, dass ihr Widerstand gegen die Machtkonzentration, die die extremen Ausprägungen der kapitalistischen Entwicklung interpretiert, Ausdruck der realen Klassenkräfte ist. Dies gilt sowohl für die „freie Welt“ als auch für die Nationen, die mit der vom Hegemonialimperialismus erzeugten Dynamik konfrontiert sind, um ihre Vorherrschaft wieder zu behaupten.

Unter den nationalen Kräften sind Russland und China – obwohl beide vollständig kapitalistisch sind – keine kleinen Hindernisse. Bei den Klassenkräften beobachten wir, dass sich Teile des Proletariats konservativen, ja reaktionären Formen anschließen, um ihrem Kampf eine Stimme zu geben. Auch in Europa ist dieses Phänomen zu beobachten, und es überrascht uns nicht. Aus der Sicht des bürgerlichen Fortschritts waren die Ludditen konservativ und reaktionär, als sie mit dem Aufkommen des Maschinenwesens konfrontiert wurden, das den Arbeitern die Kontrolle über den Arbeitsprozess entzog. Erst der Beginn einer Klassenbewegung brachte die Theorie und Organisation der proletarischen Revolution ins Spiel, auf die wir uns noch heute beziehen. Selbst unter den russischen Bedingungen von 1917 waren reaktionäre Strömungen in den Massen sehr stark, was aber nach Lenins Ansicht den vorrevolutionären Charakter der Situation in keiner Weise beeinträchtigte:

Wenn es eine große soziale Krise gibt, d.h. wenn die Menschen nicht mehr in der alten Weise leben wollen, kann sich dieser ‘Unwille’ nach Lenin entweder in einer revolutionären oder in einer reaktionären Richtung manifestieren, ja er kann gar nicht anders. Im Gegenteil, Zinovjev argumentierte, eine revolutionäre Situation wäre gar nicht möglich, wenn es keine Massen gäbe, die sich in eine reaktionäre Richtung wenden und somit den subjektiven Faktor ausgleichen“ (übersetzt aus: G. Lukàcs, L’uomo rivoluzionario, Editori Riuniti, 1973).

Es stimmt, dass der sichtbare Widerstand gegen den Vormarsch der Kommodifizierung – in dem Sinne, den wir in diesen Zeilen darzulegen versucht haben – sich oft in „rechten“ Kräften oder Kräften, die behaupten, außerhalb der alten politischen und ideologischen Kategorien zu stehen, manifestiert hat und manifestiert. Alle diese Kräfte haben sich, wenn man die Fakten prüft, letztlich dem Diktat jener Institutionen des „Überstaates“ und der internationalen „Finanzmärkte“ gebeugt und werden dies auch in Zukunft tun. Im Laufe des Kampfes, der noch aufflammen wird, wird die proletarische Perspektive in ihrem revolutionären Inhalt hervortreten und sich als die einzige durchsetzen, die in der Lage ist, den Krieg gegen die Barbarei des Kapitals siegreich zu führen.

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Die Grenze der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte, die Marx als unüberwindlichen Mangel der kapitalistischen Produktionsweise erkannte, ist also nicht in einem absoluten Sinne zu verstehen, als Unfähigkeit, die Produktionsmasse weiter auszudehnen. Der Kapitalismus hat historisch bewiesen, dass er jede Schranke überwindet, die einer Ausweitung der Sphäre der Warenproduktion im Wege steht, sowohl materiell als auch immateriell. Was das Kapital nicht kann, ist, die Produktion an den gesellschaftlichen Konsum anzupassen, der sich an den realen menschlichen Bedürfnissen orientiert, für die Entwicklung des in der gesellschaftlichen Produktion von Gütern und in ihrem gesellschaftlichen Genuss enthaltenen Potenzials. Eine solche Perspektive bedeutet eine Erneuerung des Menschen durch die Wiederentdeckung seiner inhärent sozialen Natur, die durch die Epoche der Klassengesellschaften im Laufe der Zeit verdunkelt und geschwächt wurde, ohne sie jedoch endgültig auslöschen zu können. Wenn in der gegenwärtigen Epoche die soziale Natur des Menschen von den Kräften des Kapitals zunehmend geleugnet wird, dann deshalb, weil das Kapital selbst die Bedingungen für die Wiederbelebung des sozialen Menschen geschaffen hat und weil ein wachsender Teil der Menschheit die Dringlichkeit dessen spürt.

Marx verurteilt die Vergötterung der Natur, aber alle seine Bemühungen zielen darauf ab, die soziale Natur des Menschen zu bekräftigen, gegen die sozial zerstörerische Bahn des Kapitals. Sie wird nicht durch das Schwenken von Fahnen der Moral, der Tradition, der Nationalität oder der Verteidigung der Natur umgedreht. Diejenigen, die dies glauben, mögen religiöse Symbole schwingen, um die teuflischen Mächte des Geldes zu bannen. Für uns bleibt es eine Frage der Klassenstärke. Diese Stärke ist heute leider noch nicht das Vorrecht des Weltproletariats, sondern das Vorrecht der Machtkonzentrationen, die sich dem Zentrum des Weltkapitalismus entgegenstellen und es bei der Erhaltung des gegenwärtigen Weltsystems ersetzen wollen. Wir können nicht umhin, diesen Zusammenstoß, diese allgemeine Umwälzung des Weltgleichgewichts, die sich vollzieht, mit großem Interesse zu verfolgen, auch wenn wir uns der Schwierigkeiten und Widersprüche des laufenden Prozesses und der Tatsache bewusst sind, dass er gegenwärtig völlig innerhalb der kapitalistischen Dynamik liegt.

Auf seinem zerstörerischen und revolutionären Weg stößt das Kapital auf Hindernisse und macht sich daran, sie zu überwinden:

Daraus aber, daß das Kapital jede solche Grenze als Schranke setzt und daher ideell darüber weg ist, folgt keineswegs, daß es sie real überwunden hat, und da jede solche Schranke seiner Bestimmung widerspricht, bewegt sich seine Produktion in Widersprüchen, die beständig überwunden, aber ebenso beständig gesetzt werden. Noch mehr. Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Aufhebung durch es selbst hintreiben“ (Grundrisse; MEW 42, 323f.).

Durch sich selbst, das heißt, indem sie an ihre Widersprüche appellieren und nicht an den Ewigen Vater oder an „Werte“, die das Kapital selbst bereits auf den Dachboden gelegt hat. Der grandiose Umbruch, der dazu führt, dass Länder, die bisher der Übermacht des atlantischen Westens unterworfen waren, versuchen, sich gegen die alte Unterwerfung aufzulehnen, und in den Armen neuer Gruppierungen von Kräften landen, um sich dadurch von der westlichen Finanzwelt zu befreien, ist natürlich eine destabilisierende Tatsache (aber nichts als eine Tatsache!). Aus der Sicht der nationalen Kräfte stellt sie eine äußere Schranke für den zerstörerischen Vormarsch der Kräfte des weiter fortgeschrittenen Kapitalismus dar, jener „freien Welt“, die sich heute in einem vollständigen wirtschaftlichen und „für diejenigen, die daran glauben, auch geistigen“ Verfall befindet. Als Kräfte, die sich innerhalb dieses Weltsystems entwickeln, die ihrerseits Produkte der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte sind, stellen sie jedoch eine innere Schranke für dessen volle Durchsetzung dar. Die unüberwindliche Grenze des Kapitals liegt im Inneren, in der Entwicklung der Produktivkräfte, die innerhalb des alten Weltsystems nicht mehr beherrschbar sind, und in der Perspektive der engen merkantilen Form. Wenn sich der Kampf auf dieses Terrain, gegen die Ware, verlagert, wird es Zeit für den offenen Klassenkampf, dessen mächtige Wiederkehr wir erwarten.

Fußnoten:

[1] Der Artikel The Perpetual Wars You Shouldn’t Notice von W.J. Astore, einem ehemaligen Offizier der US-Armee, beschreibt die Institution, die am meisten für die amerikanische Machtkonzentration steht. Wir zitieren eine Passage aus dem Artikel:

Keine andere Nation der Welt sieht ihr Militär als (um einen kurzlebigen Slogan der Marine zu zitieren) ‘eine globale Kraft für das Gute’. Keine andere Nation teilt die ganze Welt in Militärkommandos wie AFRICOM für Afrika und CENTCOM für den Nahen Osten und Teile Zentral- und Südasiens auf, die von Vier-Sterne-Generälen und Admirälen geführt werden. Keine andere Nation verfügt über ein Netz von 750 ausländischen Stützpunkten, die über die ganze Welt verstreut sind. Keine andere Nation strebt eine totale Dominanz durch „All-Domain-Operationen“ an, d. h. nicht nur die Kontrolle über die traditionellen „Domänen“ des Kampfes - Land, See und Luft - sondern auch über den Weltraum und den Cyberspace. Während sich andere Länder in erster Linie auf die Landesverteidigung (oder regionale Aggressionen der einen oder anderen Art) konzentrieren, strebt das US-Militär die totale globale und weltraumgestützte Dominanz an. Wahrlich herausragend!“ (https://tomdispatch.com/the-greatest-fighting-force-in-human-history/)

[2] Der Hinweis bezieht sich auf Gunther Anders, Der Mensch ist antiquiert, Boringhieri, 2007.

[3] „Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind. Bis zu welchem Grade die gesellschaftlichen Produktivkräfte produziert sind, nicht nur in der Form des Wissens, sondern als unmittelbare Organe der gesellschaftlichen Praxis; des realen Lebensprozesses.“ (MEW 42, S. 602)

Hier scheint Marx den Übergang von der Kontrolle des Kapitals über die Produktion zur Kontrolle über die gesamte Gesellschaft als Ergebnis der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte vorwegzunehmen, den Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion, die sich vom Produktionsprozess auf die gesamte Gesellschaft erstreckt. In diesem Stadium ist „die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint.“ (MEW 42, S. 601). Von dem Moment an, in dem das Kapital die volle Kontrolle über den gesamten Produktions- und Zirkulationsprozess ausübt - die für Marx eine widersprüchliche Einheit bilden -, wird sogar die so genannte „Muße“ (in Wirklichkeit die von der Arbeit befreite Zeit, die für die Reproduktion der Arbeitskraft und der Gesellschaft als Ganzes notwendig ist) zu einem integrierten Moment der kapitalistischen Reproduktion. Würde das Kapital nicht eine durchdringende und strenge Kontrolle über die frei gewordene Zeit ausüben, um diese Integration zu gewährleisten - eine Kontrolle, die nicht formell ist, sondern durch Instrumente ausgeübt wird, die vom allgemeinen Intellekt bereitgestellt werden -, würde der grundlegende Widerspruch, der die Endlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise und ihre notwendige Überwindung bestimmt, explodieren: „Die freie Entwicklung der Individualitäten und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit, um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht. Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.“ (MEW 42, S. 601).

[4] Wir beziehen uns offensichtlich auf Jacques Camatte, der in den 1960er Jahren unserer Gruppe angehörte, um sie dann in der Mitte des Jahrzehnts zu verlassen und damit den Marxismus falsch zu verstehen und falsch zu vertreten. Ihm verdanken wir den Ausdruck Anthropomorphose des Kapitals, um die (von uns behauptete!) Identifizierung des Menschen mit dem Kapital zu bezeichnen. Eine umfangreiche Anthologie von Camattes Texten findet sich auf „Il Covile“.

[5] Während die Kämpfe der 1970er Jahre für sexuelle Freiheit eintraten, zwingt das Kapital heute eine Ideologie des unbegrenzten sexuellen Konsums auf, die die Unterwerfung unter alle Arten von Reizen bedeutet, die durch den Sampler der „Perversionen“ hervorgerufen werden. Dieselben Kämpfe traten für das Recht auf eine Sexualität ein, die frei von Fortpflanzung ist; heute profitiert das Kapital von der Trennung von Fortpflanzung und Sexualität. Erstere kann ohne Geschlechtsverkehr stattfinden, in einem Labor, einer Fabrik für Lebewesen, oder einfach an eine Firma vergeben werden, die sich auf die Rekrutierung von schwangeren Frauen spezialisiert hat. Sogar die Geburt hat die Form einer Ware, ebenso wie der Tod in einer Klinik, die Sterbehilfe garantiert. Damit soll keineswegs die Hoffnung auf einen würdigen Tod in Frage gestellt werden, sondern es soll betont werden, dass die Ausdehnung der Warenkategorie inzwischen jeden Aspekt des Lebens erreicht hat, von der Empfängnis bis zum Tod selbst.

[6] Wir können den folgenden Worten zustimmen: „Nichts sollte das Recht beinhalten, sich zu kaufen, zu wollen und alles zu sein, was man sich wünscht. Jeder Wunsch ist ein Recht, das mit dem Segen der Religion des Kapitals erworben wurde. Der Markt ernährt sich von Rechten, er vergrößert sie, um seine Produkte zu verkaufen.“ https://www.sinistrainrete.info/articoli-brevi/26210-salvatore-bravo-totalitarismo-della-chiacchiera.html).

[7] Die Verhängung von experimenteller Seren hat in Italien mit einem banalen Instrument des Verwaltungsrechts den Grundsatz des Habeas Corpus ausgehebelt, der von den bürgerlichen Revolutionen bekräftigt wurde und das Fundament der modernen Beziehung zwischen Staat und Bürger bildet.

Übersetzt aus: il programma comunista, Januar/Februar 2024