Die Notwendigkeit der Klassenorganisation

Die proletarische Klasse ist in allen Ländern heftigen Angriffen ausgesetzt. Die Maßnahmen, die von den verschiedenen nationalen Bourgeoisien bei dem Versuch „aus der Krise zu kommen“ ergriffen werden (ein aussichtsloser Versuch, da die gleichen Maßnahmen nur dazu beitragen, neue noch katastrophalere Krisen vorzubereiten), treffen sie hart. Die Arbeitslosigkeit bleibt überall hoch und ist dazu verurteilt weiter zu wachsen, trotz aller kurzfristiger, illusorischer Verringerung. Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich Tag für Tag aufgrund der Intensivierung der Ausbeutung, dem Wettlauf um die Produktivität und den außerordentlichen Arbeitsrhythmen. Sie sind die Ursachen für Stress, Krankheiten, tödliche Unfälle. Die Lebensbedingungen verschlechtern sich in dem Ausmaß wie alle Arten von welfare (die ohnehin von den Proletariern in der Epoche des ökonomischen Booms teuer bezahlt worden sind) abgebaut werden. Immer breitere und verletzlichere Schichten der proletarischen Bevölkerung (die Jungen, die Alten, die Frauen) leiden jeden Tag unter den Auswirkungen der Krise.

Die Prekarität und die Unsicherheit der Gegenwart und Zukunft lasten schwer wie ein Stein, erdrücken das Leben und die legitimen Wünsche und Bedürfnisse. Die offiziellen Parteien und Gewerkschaften befinden sich in einem Wettlauf darum, immer restriktivere Maßnahmen gegenüber jeder Art von realen oder möglichen Arbeitskämpfen zu erlassen. Die Exekutiven, welche die herrschende Klasse im hohlen parlamentarischen Spiel einberuft, um die schwierigen sozialen Zustände (die aktuellen und zukünftigen) zu verwalten, zeigen sich immer krasser und autoritärer, eine klare Veranschaulichung der „wehrhaften Demokratie“, die sich in den Tagen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgerichtet hat. Die Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens durch einen Staat, der sich immer mehr als das zeigt, was er ist (der bewaffnete Arm des Kapitals) fordert ein Opfer nach dem anderen, während eine fortschreitende Entfremdung eine Jugend ohne Hoffnung zu ergreifen scheint. Die Kriege zwischen den Imperialismen über die Kontrolle der Quellen und Routen der Energieträger und geostrategische Gebiete verwüsten ganze Regionen rund um den Globus und vervielfachen die Landlosen und die ohne jedes Hab und Gut, jagen sie von einem Ort zum nächsten, erdrückt von Qualen, Entbehrung, Hunger, Krankheiten, Verletzungen an Körper und Seele. Es verschärfen sich die sozialen und ökonomischen Unterschiede, es wächst die Misere, die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Und währenddessen entstehen in der Tiefe der bürgerlichen Gesellschaft die objektiven Bedingungen für ein neues, weltweites blutiges Gemetzel...

Alldem gegenüber bleiben die Antworten der Proletarier, wie großmütig sie auch sein mögen, dürftig, verstreut und episodisch. Nach Jahrzehnten der offenen Konterrevolution und der reformistischen Täuschungen steht das Weltproletariat allein und hilflos seinem historischen Feind, dem Kapital, gegenüber, und ist bisher noch nicht dazu in der Lage wieder an die eigenen glorreichen Kampftraditionen und Organisationen anzuknüpfen, die großartige Beispiele von Mut und Aufopferungsbereitschaft geliefert haben, von Entschlossenheit zum Kampf für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und, in den größten Momenten, davon den „Himmel zu stürmen“, um Schluss zu machen mit einer Produktionsweise, die längst nur noch destruktiv ist.

Als Materialisten wissen wir, dass die proletarische Klasse aufgrund der miserablen Bedingungen, unter denen sie leben und arbeiten muss (oder nicht arbeiten und nicht leben!), dazu gezwungen sein wird, den Weg von heftigen und ausgedehnten Kämpfen wiederaufzunehmen. Und besonders in dieser Perspektive, sei sie kurz- oder langfristig, stellt sich mit Dringlichkeit die Notwendigkeit der Klassenorganisation auf zwei Ebenen, die spezifisch und verschieden, aber gleichermaßen unumgänglich sind: die Ebene der Verteidigung der eigenen Lebens- und Arbeitsbedingungen und die Ebene der revolutionären Vorbereitung zur Zerschlagung der bürgerlichen Macht.

Klassenorganisation bedeutet daher die Wiedergeburt territorialer Organe, die das Sporadische, das regional Beschränkte und die Segmentierung in Branchen (oder schlimmer: nach Region und Nation) überwinden und offen für alle Proletarier sind, Beschäftigte und Arbeitslose, Junge und Alte, Prekäre und Rentner, ohne Unterschied der Herkunft, Sprache, Kultur, Alter und Geschlecht; die sich um alle Belange der proletarischen Lage kümmern, am Arbeitsplatz (Arbeitszeit, Lohn, Arbeitsrhythmen, Gesundheitsrisiken, Vertrag) wie im alltäglichen Leben (Wohnung, Transport, Rechnungen). Die das Kapital dort hart treffen, wo es am verletzlichsten ist (beim Profit), sich dabei wieder die klassischen Waffen des Klassenkampfes aneignen (Streikposten, Blockaden des Warenverkehrs, wilde Streiks, unbegrenzter Generalstreik) und eine wirkliche Klassenfront gegen Staat und Bosse und ihre bewaffneten legalen und illegalen Banden aufbauen..... Organe, die entschlossen sind, mit dem alten Ruf „Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle“ Ernst zu machen und die wissen, wie man die Schläge kontert. Die Wiedergeburt solcher territorialer Organisationen, als Basis für eine zukünftige Klassengewerkschaft, ist dringend notwendig, um der Klasse selbst ein Gefühl ihrer eigenen Stärke, ihrer eigenen Geschlossenheit und mit ihrer eigenen Entschlossenheit in den Ring zu steigen, zurückzugeben.

Aber (und das ist die andere Ebene der dringend notwendigen Organisation der Klasse), die Wiedergeburt solcher Organe, so dringend und notwendig sie auch ist, wird nicht ausreichen, wenn sie nicht von einer internationalen Verankerung der revolutionären Partei begleitet wird, der Partei, die während der Höhen und Tiefen von über eineinhalb Jahrhunderten der Geschichte der Arbeiter- und der kommunistischen Bewegung, die von außerordentlichen Ereignissen und blutigen Niederlagen durchzogen ist, den kommunistischen Kurs beizubehalten wusste, trotz aller wütenden Angriffe, sowohl vonseiten der herrschenden Klasse in allen ihren Kleidern (demokratischen und faschistischen, liberalen und sozialdemokratischen), als auch vonseiten jeglicher Art von konterrevolutionärem Revisionismus, der auf jede erdenkliche Weise versucht hat, sie zu ersticken, ohne das es ihm je gelungen wäre. In dieser Partei verdichtet sich die Wissenschaft der Revolution, Frucht der Theorie und Praxis, der historischen Erfahrung von Generationen von Revolutionären – eine Wissenschaft der Revolution die weder einem einzelnen Proletarier als solchem zu eigen sein kann, noch seinen einzelnen Organen der unmittelbaren Verteidigung, so kämpferisch sie auch sein mögen. Es ist diese politische Organisation, die die Proletarier heute dramatisch brauchen, weil sie es ist, die in der Entwicklung der Kämpfe, der fort- und rückschrittlichen, in engem Kontakt mit der Klasse und im Rahmen ihrer eigenen Kräfte, es versteht den richtigen Weg zu weisen, um aus dem Abgrund herauszukommen.

Die beiden Ebenen, diejenige der unmittelbaren Verteidigungsorganisation und diejenige der revolutionären politischen Organisation, sind nicht dieselben und überschneiden sich nicht. Das Organ der unmittelbaren Verteidigung, das wie eine „Partei“ funktionieren will und sich eine spezifische politische Orientierung gibt, würde seiner primären Aufgabe entsagen, nämlich die größtmögliche Zahl an Proletariern zu organisieren, ohne politische, ideologische, kulturelle und religiöse Voraussetzungen. Die revolutionäre politische Organisation, die sich der Bewegung der kämpfenden Klasse anpasst und danach ihre eigene Theorie, die eigene Taktik, die eigene Organisation ausrichtet, die sich schlussendlich zu ihrem „Wasserträger“ macht, würde ihrerseits der eigenen Aufgabe der politischen Leitung entsagen, die über unmittelbare Tagespolitik hinausgeht, einzig um sich im heute zu verankern, einzig um nicht getrennt zu bleiben.

Wir Kommunisten arbeiten für die internationale Verankerung der revolutionären Partei, in der Überzeugung – Frucht unserer Theorie und unserer bereits hundertjährigen Erfahrung – das diese Verankerung nicht auf unbestimmte Zukunft verschoben werden kann, oder – schlimmer noch – auf den „Vorabend der Revolution“ (wenn es bereits zu spät sein wird: auch hier lehrt die Erfahrung!). Und das machen wir, im Rahmen unserer Kräfte, in engem Kontakt mit der Klasse in allen ihren Lebenslagen, den dunkelsten als auch den hellsten, und in allen ihren Bemühungen sich diejenigen Verteidigungsorgane zu geben, die heute mehr denn je gebraucht werden.

Es ist nicht an uns Kommunisten, diese Organe der unmittelbaren Verteidigung auf dem Reisbrett zu entwerfen (oder hohle Etiketten diesem oder jenem Organ anzuheften): es werden die Erfahrungen der proletarischen Klasse selbst im Kampfe sein, die sie in diese Richtung drängen werden, und unsere Aufgabe wird es sein, diese Erfahrungen zu begleiten, mit dem Ziel sie zu lenken und zu leiten und, wenn möglich, sich an die Spitze zu stellen. Aber es ist sicher an uns, heute für die kompakte und starke Partei von morgen zu arbeiten.

6 Juni 2016

 

Internationale Kommunistische Partei